Lieber Gast…

Lieber Gast,

es freut mich natürlich, wenn du uns besuchen kommst, dir das Ambiente gefällt, das Essen geschmeckt hat und du dich rundum wohlfühlst. Denn das soll ja auch alles so sein. Aber fragst du dich auch manchmal, was hinter alledem steckt? Wie viel Arbeit und – ja – stellenweise auch Leid dahintersteckt? Wie viele Opfer mancher Mensch bringt, damit es für dich so angenehm ist? Nein? Das solltest du aber. Denn vielleicht überlegst du dir dann zweimal, ob du über eine Stunde zu spät an deinem reservierten Tisch erscheinst. Natürlich bist du der König. Aber bedenke, du bist in meinem Schloss. Und in meinem Schloss ist auch der König nur Gast. Außerdem zeugt es nicht gerade von gutem Benehmen und Anstand, über eine Stunde zu spät zu kommen.

Gott sei Dank bin ich kinderlos. Denn natürlich werde ich für dich die Küche offen lassen, obwohl ich dadurch mindestens eine halbe Stunde länger arbeiten muss. Nicht auszudenken, wenn ich kleine Kinder hätte, die ich aus dem Kindergarten hätte abholen müssen. Ja.. Schon klar. Es gibt Omas und Opas. Tanten und Onkel. Vielleicht auch die Mama bzw. den Papa. Dummerweise haben die alle einen anständigen Beruf gelernt und sitzen im Büro. Sie arbeiten. Bis auf Oma und Opa. Opa ist tot und Oma hats im Rücken. Aber das ist natürlich nur hypothetisch, denn ich habe ja keine Kinder.

Und so schlimm ists ja auch nicht. Die halbe Stunde länger bekomme ich ja gut geschrieben und kann dafür dann auch mal eine halbe Stunde früher gehen. Vorausgesetzt wir sind mal nicht unterbesetzt und es ist niemand im Urlaub oder Krank. Aber hauptsache, auf dem Papier steht die halbe Stunde drauf. Damits nicht vergessen geht.

Meine Kollegen im Service sehen das übrigens ganz genauso wie ich. Sie strahlen mich förmlich vor Freude an, dass sie, ebenso wie ich, eine halbe Stunde länger bleiben dürfen, um dich zu bedienen. Einmal durfte ich die Freude eines Servicemitarbeites sogar körperlich spüren. Er war so ein Kanditat mit Kindern, von denen ich weiter oben sprach. Tja. Selbst schuld. Wieso gründet er auch eine Familie, wenn er in der Gastronomie arbeitet?
Aber wenigstens hat ihn dann die Rechnung wieder beruhigt. Du hattest einen Salatteller für 11,50€ und zwei deiner Begleiter ein Schnitzel für je 22€. Die anderen vier Personen hatten allerdings keinen Hunger und nahmen nur ein stilles Mineralwasser. Hm. Okay. Aber du hast uns ja mit deinen äußerst großzügigen 2€ Trinkgeld entschädigt.

Lieber Gast, es wird dich aber freuen zu hören, dass die Gastronomie nicht am Ende ist. Aus meiner damaligen Berufsschulklasse haben immerhin 23 von 25 Leuten die Prüfung bestanden und ihren Gesellenbrief bekommen. Keine schlechte Bilanz.
Ehrlicherweise muss ich aber zugeben, dass von den 23 Leuten nurnoch 8 in der Gastronomie tätig sind. Drei Leuten wurde alles zu viel. Zu viel Stress, zu viel Arbeit, zu viel Hitze, zu wenig Geld. Sie haben sich umorientiert. Zwei weitere sind ausgestiegen, weil sie eine Familie gegründet haben und sich nicht in eine Kantine stellen wollten, in der sie zwar regelmäßige Arbeitszeiten haben, aber langsam und sicher zu Grunde gehen vor Langeweile. Weitere vier sind ausgestiegen, weil sie zum Alkohol oder anderen Drogen griffen, um den ganzen Druck noch auszuhalten. Und die restlichen sechs sind ausgestiegen wegen der ständigen Überstunden.

Lieber Gast. Wenn du das nächste mal über eine Stunde zu spät kommst, deine Begleiter eigentlich garnicht wirklich Hunger haben oder unsere Speisen zu hochpreisig sind und sie deshalb zur Tagessuppe oder einem kleinen Salat greifen oder sich nur für ein Wasser entscheiden, bitte überleg dir nochmal, ob nicht vielleicht eine der großen Fastfoodketten eine bessere Wahl wäre.

Dein Koch.

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